Als ich heute eine kleine Pause machte und meinen Grüntee am Küchentisch schlürfte, fiel mein Blick auf den Weißkohl, den ich dort hingelegt hatte. Wir essen gerne Weißkohl, und eigentlich hatte ich schon vorgestern vor, ihn zu kochen. Doch dann fehlte irgendeine Zutat, und es gab stattdessen etwas anderes. Und so lag er da heute noch, darauf wartend, endlich seine Nährstoffe an uns abgeben zu dürfen.
Mein Blick fiel auf die eng anliegenden Blätter, die sich vom Strunk aus zu einem wohlgeformten Rund fügen. Wie eng diese Blätter sich umschlungen halten. Und wie schön sie doch sind. Das zarte, helle Grün und die kräftigen Blattadern, die sich wie starke Sehnen wölben. Ganz fest halten sie das kostbare Innere zusammen.
Asche zu Asche, Staub zu Staub, heißt es in der Bibel. Und wie wunderbar doch alles gemacht ist. Man muss nur einen Samen in die Erde legen, für nicht zu viel und nicht zu wenig Sonne sorgen, dazu Nährstoffe und Wasser geben. Und schon erfüllt sich der geheime Bauplan. Der Samen geht auf, und wie durch Zauberhand folgt er einem uralten Entwurf, der in seinem Inneren angelegt ist.
Da frage ich mich: Warum weiß so ein Samen eigentlich, was aus ihm werden soll? Warum entwickelt er sich zu einem Kohl und nicht zu einer Roten Beete, einer Rose oder einem Zebra?
Das Gehirn und die Genetik gehören wohl zu den letzten großen Mysterien, die wir Menschen noch nicht vollständig entschlüsselt haben. Es mag sein, dass wir im Prinzip verstehen, wie Vererbung funktioniert, und dass wir uns dank der MRT-Technologie sogar beim Denken selbst zusehen können. Wir sehen, dass es funktioniert, aber wissen noch nicht genau, wie. Woher kommt der Funke des Lebens? Wie und wann wird aus toter Materie Leben? Das ist auch heute noch ein göttliches Geheimnis. Vielleicht kommt er ja auch gar nicht, vielleicht war er schon immer da und kennt weder Raum noch Zeit – vielleicht ist es die Ewigkeit.
Ein Leben, das ganz klein beginnt und aus dessen Zellen Organe oder – im Fall des Kohls – Blattadern entstehen. Oder ein Mensch. Oder eben ein Zebra. Dieses Wunder bleibt wohl noch lange im Verborgenen.
Und das ist auch gut so. Denn die Welt braucht Geheimnisse.
Unsere Evolution ist vielleicht nicht das Ende, sondern der Anfang. Und wir müssen alle gemeinsam noch reifen um das Geheimnis zu verstehen. Und jeder trägt mit seinen Erfahrungen, die er im Leben macht dazu bei, das kollektive Bewusstsein zu ändern – entweder weil er es verbessert oder weil er Dinge in die Welt bringt, die wir nie wieder tun sollten.