Meine Mutter und ich zogen nach dem Tod meines Vaters in ein Mehrfamilienhaus am Rand der Stadt. Es war die Zeit, in der die schönen neuen Mietshäuser aus Beton entstanden und ein falsches Verständnis der Bauhaus-Architektur massentauglich wurde. Viele neue Flachdachtbauten entstanden und in einer beispiellosen Abrisswut schien es, dass Deutschland so auch endlich die Schatten der Vergangenheit loswerden und endlich wieder leben wollte. Doris Day und James Garner, die Kennedys, Swimming Pools und Marilyn.
Wir waren Erstbezug. Es gab das Schlafzimmer meiner Eltern – nur eben ohne Papa. Shellack lackiert. Heute wie damals ein schönes Stück Mode der 60er Jahre. 5 Türen hatte der Kleiderschrank: zwei für sie, zwei für ihn und in der Mitte Platz für Bettwäsche. Später hortete meine Mutter ca. ein Drittel ihrer Pullover darin. Klamotten-Hoarding.
Im linken Teil hingen noch Anzüge und Krawatten meines Vaters, und wenn man die Tür öffnete, roch es noch nach ihm, so wie seine lederne Arbeitstasche fürs Büro heute immer noch danach riecht. Als Kind habe manchmal heimlich den linken Teil aufgemacht und mich reingesetzt, um ihn wenigstens zu riechen. Ich wollte immer etwas von ihm haben, wollte ein Zeichen dafür, dass er wirklich gelebt hat. Dass er wirklich da war, dass er mich geliebt hat.
Mit der Zeit verblasste der Geruch im Schrank und tauschte sich gegen den Geruch von dem, der jetzt vor der Tür des Appartements stand. Blumen brachte er ihr wohl keine mit, aber dafür hatte er wieder einen Korb bei sich. Dreieckig, mit Henkel und bis oben hin voll mit Süßigkeiten. Jetzt stand er noch vor der Tür und wusste nicht, dass er 40 Jahre später an einem wunderschönen Morgen im September – ganz genau am 16. Geburtstag meines Sohnes und 40 Jahre nach der Geburt meiner Halbschwester – genau in diesem Bett liegen würde: tot mit 68 Jahren. Gestorben an gebrochenem Herzen, würden die sagen, die ihn nicht richtig kannten. Gestorben, weil er sein genetisch vorbelastetes Herz mit Schnaps und Bier kaputtgesoffen und mit zwei Schachteln Zigaretten am Tag kaputtgeraucht hat.
Und DER stand da jetzt vor der Tür. „Onkel Karl“ hieß der, und der wollte rein. Zu uns, aber wohl hauptsächlich in sie. Aber ich wollte das nicht. Ich wollte DEN nicht in unserer Wohnung haben. Ich kam gerade vom Baden, die Bäckchen noch ganz rot vom warmen Wasser, in einen richtigen Pyjama, den meine Mutter für mich genäht hatte, eingehüllt. Oben am Hals konnte man aber ein winziges Stückchen Ausschnitt sehen, und das vor einem fremden Mann. Das ging ja mal gar nicht. Also „DER“ sollte gehen. Der sollte nicht reinkommen. Er war für mich ein fremder Mann. Ich war wütend und heulte laut und schrie, dass „DER“ gehen soll. Am Ende kam er doch rein. Und das immer öfter. Immer mit einer Schale Süßigkeiten.
Irgendwann kapitulierte ich und freute mich sogar, wenn es wieder Süßkram gab auch wenn ich die Süßigkeiten gerne ohne ihn gehabt hätte. Und irgendwann zogen wir aus dem schönen neuen Appartementhaus der 60er – ganz weit weg in ein – mir schien es so – anderes Land. Mit Bergen und Wäldern. Und einem neuen Baby im Gepäck. Meine Halbschwester.
Karl Sassmannshausen – so stand es auf dem großen LKW, der alle Möbel einpackte – auch mein Kinderzimmer und „SEIN“ späteres Totenbett. Von dem Geld, das mein Vater meiner Mutter hinterlassen hatte, bauten sie ein Haus. „SEIN“ Haus. Des Weiteren hat sie von meines Vaters Geld seine Schulden bezahlt. „ER“ bekam den Unterhalt in Form meiner Halbwaisenrente. Und ich durfte dafür dort in seinem Haus wohnen. Das war der Deal. Welch großzügiger Mensch er doch war. Und so herzensgut. Meine Mutter hatte sich auf ihn eigelassen – er hätte sie sonst mit dem neuen Baby im Bauch „sitzen lassen“ oder dafür gesorgt, dass ich zur Adoption freigegeben oder in ein Waisenhaus gesteckt werde. Das hatte er gefordert.
Das für mich gesetzlich festgelegte Sparbuch, welches meine Mutter mir an meinem 18. Geburtstag hätte aushändigen müssen, hat er mir später mit einer erbärmlichen Lüge abgeluchst und leergeräumt, als er mal wieder ein neues Auto brauchte. Ein Monza. Gaaaanz großes Kino, wie er das so in seinem dreckigen, nach Öl stinkenden fleckigen Blaumann in der Geschäftsführerkarosse die 4 Minuten zur Arbeit in der örtlichen Fabrik fuhr. Mein Gott, der war so peinlich.
In „SEINEM“ Haus wohnt jetzt „SEIN“ Sohn, und das ganze Bargeld hat „SEINE“ Tochter bekommen. „SEIN“ Sohn hat meine Mutter zwischenzeitlich in einem Pflegeheim untergebracht. Angeblich ist sie dement, aber ich frage mich, wie diese Diagnose ohne MRT gestellt werden konnte. Der Apfel fällt nie weit vom Stamm, denn so können „SEINE“ Enkel nun zur Uni pendeln, in Omas Wohnung inkl. Möbel komfortabel wohnen und „SEIN“ Sohn, dem das Haus ohne Anstrengung in den Schoß gefallen ist, kann weiter sein komfortables Leben führen und seine eigene Mutter durch den Kakao ziehen. Und die Wahrheit, das ist ja immer das, was die Leute glauben, wenn man ihnen das oft genug erzählt.
Du darfst von fremden Männern keine Süßigkeiten annehmen, das hat meine Oma immer gesagt. Wie recht sie doch behalten sollte.