Anpassung als Bewältigungsmechanismus und als Form von Kontrolle und Vermeidung
Nur eine diplomatische Plattitüde?
„Es hat halt nicht gepasst.“ sagte Sabine zu ihrer Freundin, als die danach fragte, warum sie sich von ihrem Partner getrennt habe.
„Es hat nicht gepasst.“ – Ein Satz, der sich wie großes Tuch über die Trümmer einer Beziehung legt. Kein Vorwurf. Keine Details. Keine offenen Rechnungen. Eine diplomatische Plattitüde – perfekt geeignet, um in der Deckung zu bleiben, um nicht erklären zu müssen, wo man sich nicht mitteilen möchte aber auch kein Entwerten, kein Hass stattdessen Haltung und Würde.
„Es hat nicht gepasst“ ist nicht greifbar, nicht begreifbar aber auch nicht angreifbar. Er schützt den Sprechenden – und manchmal auch die andere Person. Er erlaubt es, Haltung zu bewahren und Würde. Und ja, manchmal ist er auch nur eine elegante Ausflucht um die noch nicht verheilten Wunden neu zu verbrennen.
Konfrontation mit der eigenen Verlustangst
Wenn jemand eine Beziehung beenden möchte mit genau dieser Begründung und trifft „dieser „es passt für mich nicht mehr“ auf einen Overthinker, jemand chronisch Überreflektiertes – dann ist „es hat nicht gepasst“ das Tor zur Schattenwelt. So jemand fragt sich Wieso? Weshalb? Warum? Nicht, weil er objektiv falsch ist, sondern weil er nichts erklärt, weil er eine Lücke lässt und ein Vakuum erzeugt zwischen dem, was war, und dem, was nicht mehr ist. Viele Menschen wollen wissen: Warum? Und genau das wird nicht beantwortet und ehrlich? Das muss es auch nicht. Vielleicht wirst du es nach dem Lesen dieses Artikels verstehen.
Zu bleiben wirkt vordergründig verantwortungsvoll, loyal und moralisch einwandfrei. Vielleicht muss man auch wirklich gemeinsam wenigstens ein paar Versuche unternehmen um eine Beziehung zu retten. Doch so mancher Versuch klammert von vornherein eine Trennung als Lösung des Problems aus und übersieht, dass das Klammern an eine Idee, dass alles machbar ist um einen Traum zu erfüllen, sich selbst umzukrempeln eingeschlossen, oft nur eine grandiose Selbstüberschätzung ist, die nur eines will: Festhalten um jeden Preis. So entstehen Axiome wie „wenn man sich nur genug Mühe geben würde, wenn man nicht hinschmeißen, sondern durchhalten würde, kommt Liebe auch durch Disziplin und Arbeit.“ Oder: „Eine Trennung muss man bekämpfen bzw. vermeiden, weil es eine Niederlage ist, die offenlegt, dass ich versagt habe. Ich habe Schuld.
Von Trennungsangst, Verlust und der Illusion der Kontrolle
Aber was, wenn genau dieses Festhalten, dieses Durchhalten und das „dran Arbeiten“ die eigentliche Flucht ist? Was, wenn all die Anpassung, das Verständnis, die ständige Selbsthinterfragung und Selbstoptimierung nur eine Bewältigungsstrategie ist, um sich nicht der großen Angst vor dem Verlust stellen zu müssen?
Aber was verliert man denn? Vielleicht geht es gar nicht so sehr um den Verlust des anderen Menschen – sondern den Verlust der Beziehung und all dem was damit zusammenhängt.
Und dabei wäre als erstes der Verlust von Sicherheit und vermeintlicher Geborgenheit zu nennen. Die viel zitierte Komfortzone. Das Verlassen von dem, was man „zu Hause“ nennt – auch wenn es sich längst schon nicht mehr so anfühlt. Finanzielle Sicherheit – das gemeinsam Angeschaffte muss nun durch zwei geteilt werden. Der Verlust von Bequemlichkeit – für einen Weg ins Ungewisse? Lieb gewonnene Routinen wie die gemeinsam benutzte Zahnpasta, das Geräusch der Schritte im Flur. Das Wissen, nicht allein zu sein – auch wenn man sich gemeinsam mehr einsam als zweisam fühlt.
Man verliert das Vertraute – und das ist es, was oft so weh tut.
Nicht unbedingt der Mensch selbst, sondern das Leben, was drumherum gewachsen ist:
Der Alltag. Das Konstrukt. Die Illusion von Sicherheit, die Gewohnheit, die Komfortzone.
Und wer als Kind erlebt hat, wie es ist, verlassen zu werden, oder zu spüren, dass Liebe an Bedingungen geknüpft ist – oder beides – für den ist jeder Abschied ein kleines Beben. Nicht nur im Herzen – sondern im ganzen System.
Für jemanden mit Verlusterfahrung bedeutet Verlassenwerden nicht einfach Wegfall, sondern Zerfall. Eine Erschütterung dessen, was Halt gab. Ein Rückwurf in die kindliche Ohnmacht.
In das Gefühl: Ich bin nicht sicher. Ich bin nicht gewollt. Ich bin allein.
Und deshalb halten wir fest. Deshalb passen wir uns an, weil Gehen gefährlich ist.
Weil sich Trennung anfühlt wie ein Sturz ins Bodenlose.
Deshalb meinen wir das, was wir schon lange wissen, beschwören zu können: mit „Opfergaben“ wie Fleiß, Geschenke und Selbstverleugung der eigenen Bedürfnisse.
Weil da diese Angst ist, dass niemand da ist, der einen auffängt – außer man selbst.
Und dem vertraut man oft am wenigsten. Und alles fühlt sich an wie damals.
Anpassung sieht von außen wie Unterwerfung aus, aber das täuscht zuweilen, denn Anpassung kann genauso zum Kontrollinstrument werden wie Dominanz. Anpassung ist der weibliche Narzissmus, das Leiden ohne Ende und das Mitleid, das Gesehenwerden als Opfer und die vermeintliche Belohnung für den Verzicht auf die Erfüllung eigener Wünsche und Bedürfnisse.
Und irgendwann trennen sie sich doch, ganz egal ob sich Kinder von Eltern trennen, Geschwister, Freunde, Arbeitsplatz – jeder kann sagen: „Es hat nicht gepasst.“
Und nicht immer ist es eine Floskel. Sondern ein Statement radikaler Ehrlichkeit.
Wer sich ehrlich trennt, wen das Anpassen und Nachregulieren, das Bemühen auf Kosten des Selbst zu teuer geworden ist, kann auch mal der sein, der Verantwortung für das eigene Glück übernimmt. Der mutig ist und ins Risiko geht, der manchmal alles auf eine Karte setzt für das Glück im eigenen Leben. Nicht für das Leben, was man meint zu wollen, sondern für das Leben, was man braucht – auch wenn es bedeutet, jemanden zu verlieren und zu enttäuschen.
Denn ewig zu nörgeln, zu hadern, zu leiden, zu hoffen – ohne etwas zu verändern – ist kein Zeichen von Stärke, sondern von kindlicher Ohnmacht.
Wer dagegen sagt: „Es hat nicht gepasst“ – und es wirklich so meint, was er sagt und der auch wirklich weiß, was genau nicht gepasst hat – hat sich möglicherweise entschieden, nicht länger in einem Leben zu verharren, das nicht mehr seines ist. Und dabei muss die Antwort auf „warum“ kein ausgefeiltes Statement sein, es reicht eigentlich schon wenn man sich mit dem jeweils anderem nicht mehr wohl fühlt und das auch keine vorübergehende Episode ist.
Niemand ist jemand anderem Rechenschaft schuldig.
Jeder kann gehen, wann er will und wohin er will. Jeder ist sein eigener Glücksritter.
Wir stehen alle irgendwann am Bahnof, weil wir ausgestiegen sind, sei es, weil der Weg hier endete, sei es, weil wir eine anderes Ziel wählten. Raus aus dem Elternhaus, aus der Schule, aus der Stadt – aus einer Beziehung, aus Freundschaften die keine sind, aus einem Beruf der nicht der richtige war.
Und dann ist wieder Platz für neue Leute, die in den denselben Zug steigen wollen wie du, die dasselbe Ziel haben. Vielleicht ändern auch sie ihren Fahrplan und steigen wieder aus – manchmal viel zu früh und manchmal für immer, vielleicht aber bist du es auch selber, der seine Fahrtrichtung ändert. Bedanke dich für die nette Gesellschaft und die gute Zeit. Lass sie gehen.
Sag einfach: Adieu – es hat nicht gepasst.