Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

An einem sonnigen Tag – der Frühling lag schon in der Luft – saß an einer Waldlichtung eine kleine, alte Frau mit einem traurigen Gesichtsausdruck auf einer rissigen Holzbank. Da kam ein Liebespärchen des Weges. Kichernd und tuschelnd näherten sie sich, blieben vor der Bank stehen, umarmten sich und liebkosten einander. Die beiden waren ganz versunken in ihrem Glück, bis sie die kleine alte Frau bemerkten. „Warum bist du so traurig?“, fragten sie.

Da flüsterte die alte Frau: „Ich bin die Traurigkeit. Aber keiner braucht mich mehr, denn die Menschen ziehen das Glück im Leben vor.“ „Da magst du recht haben – oder auch nicht“, sagten die beiden Liebenden. „Aber so wie das Glück ist auch die Traurigkeit eine sehr wichtige Sache im Leben. Stell dir doch einmal vor, wie die Menschen sich ohne dich entwickeln würden. Wer kein Leid kennt und keine Traurigkeit, weiß das Glück doch gar nicht zu schätzen.“

Erstaunt schaute die Traurigkeit zu den beiden Menschenkindern empor. „Ist das denn wirklich wahr?“, fragte sie vorsichtig. „Dann überlege doch einmal selbst“, sagten die beiden. „Wie soll ein Mensch sich zum Positiven verändern, wenn er nicht traurig sein kann über das Unrecht, das er getan hat? Und wie sähe die Welt aus, wenn wir über Kriege und Hungersnöte glücklich wären, anstatt traurig zu sein – und zu helfen? Ja, und wie wäre das, wenn wir uns begegnet wären, ohne jemals den anderen gesucht und vermisst zu haben? Wie klein wäre dann jetzt unser Glück und unsere Liebe?

Ohne dich, die Traurigkeit, könnten wir Menschen unser Glück nicht genug schätzen – und nicht daran arbeiten, es zu behalten. Du, liebe Traurigkeit, bist manchmal Erholung und die einzige Möglichkeit, um uns selbst zu finden, um zu erkennen, was wir im Leben eigentlich wollen. Ohne die Traurigkeit gäbe es kein Glück. Und das wäre wie ein Jahr ohne Herbst und Winter.“

Da fing das alte Weibchen plötzlich an zu lächeln und antwortete mit zittriger Stimme: „Wie recht ihr habt – und welch weise Worte ihr redet. Wäre ich nicht so traurig gewesen, dann hätten eure Worte mich jetzt nicht erreicht, und ich hätte nicht erkannt, wie wichtig ich doch für euch Menschenkinder bin.“ Beschwingt stand sie auf, bedankte sich noch einmal bei den beiden und zog leise singend von dannen. Wenn wir Menschenkinder einmal darüber nachdenken, werden auch wir erkennen, wie wichtig ein Gefühl der Traurigkeit in unserem eigenen Leben ist. Wie sollten wir das Glück erkennen, ohne es je durch sie empfunden zu haben?

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